Hassan triumphiert an Cote d’Azur

© SIP / René van Zee

In den letzten Jahren waren die Crosslauf-Europameisterschaften, die traditionell auf einen Dezember-Termin fallen, geprägt von gefrorenen Streckenpassagen, winterlichen Verhältnissen und kalter Luft. Heuer tauschten die Läuferinnen diese Umstände gerne gegen feuchte Meeresluft, herumfliegende Möwen und die mediterrane Pflanzenwelt am Streckenrand des Hippodroms im französischen Austragungsort Hyères, im Sommer auch Ziel vieler Touristen, die ihren Urlaub an der Cote d’Azur verbringen wollen.

© SIP / René van Zee
© SIP / René van Zee
Unschlagbar
Diese Verhältnisse, die sich auch in der Wahl des Outfits der Teilnehmerinnen niederschlugen, kommen Sifan Hassan aufgrund ihrer Herkunft naturgemäß entgegen. Doch es waren weniger die untypischen klimatischen Verhältnisse, sondern viel mehr die außergewöhnliche Klasse der 22-Jährigen, die den Ausschlag für einen Triumph in einer besonderen, dominanten Art und Weise gaben. Es war nicht zum ersten Mal, dass die aus Äthiopien stammende Niederländerin auf europäischem Niveau früh attackierte und ihren Rivalinnen gleich gnadenlos aufzeigte, wer die Chefin im Ring war. Dagegen läuft Hassan auf internationalem Terrain gegen die Weltklasse aus Ostafrika und den USA meist mit einer entgegengesetzten Taktik. Der frühe Vorstoß nahm dem 8,087 Kilometer langen Rennen der Damen lange Zeit etwas die Spannung und vor allem die Abwechslung, doch das starke Verfolgerfeld sorgte zumindest in der Schlussphase dafür, dass sich Hassan ihrer Sache nicht ganz so sicher sein konnte. In der zweiten Runde hatte sie bereits ihr Solo begonnen, bei Halbzeit hab es mit acht Sekunden Vorsprung auf die Verfolgerinnen den maximalen Abstand, der in der Schussrunde etwas schmolz. Nun musste auch Hassan am Ende eines demonstrativ lockeren Laufs auf die Zähne beißen, brachte den Vorsprung aber mit einem souveränen Finale sicher ins Ziel – Laufzeit 25:47 Minuten. „Ich wollte natürlich gewinnen. Am Anfang habe ich mich nicht wohl gefühlt, weil das Tempo zu langsam war. Deswegen bin ich losgelaufen. Zum Schluss wurde es aber härter und härter, besonders der finale Kilometer“, ließ die 1.500m-Europameisterin und -WM-Medaillengewinnerin das Rennen zum ihrem ersten Crosslauf-EM-Titel Revue passieren.
Doppeltes Silber für Avery
Die Erschöpfung konnte Sifan Hassan unmittelbar nach dem Überqueren der Ziellinie nicht verstecken. © SIP / René van Zee
Die Erschöpfung konnte Sifan Hassan unmittelbar nach dem Überqueren der Ziellinie nicht verstecken. © SIP / René van Zee
Im Vorfeld wurde das britische Team als klar stärkste Nation eingeschätzt – und so kam es auch. Großbritannien gewann die Teamwertung mit meilenweitem Vorsprung auf Gastgeber Frankreich und Irland. Auch in der Einzelwertung mischten die Britinnen ordentlich mit. Lange Zeit bildeten Steph Twell und Kate Avery das Verfolger-Päärchen, Mitte der letzten Runde übernahm Avery die Initiative, während Twell Mühe hatte das Tempo zu halten. Avery hatte ihr Rennen perfekt eingeteilt und freute sich über die zweite Silbermedaille in Folge – im vergangenen Jahr war sie ihrer Landfrau Gemma Steel hauchdünn unterlegen. „Was soll ich sagen? Ich habe gegen eine überragende Athletin verloren“, so Avery im Ziel. Weniger zufrieden zeigten sich ihre Landsfrauen Steph Twell, die hinter einer überraschend starken Rumänin Ancuta Bobocel völlig erschöpft Sechste wurde, und Titelverteidigerin Gemma Steel, die nie in den Kampf um die Medaillen eingreifen konnte und am Ende Position acht bekleidete. Während die mitfavorisierte Spanierin Trihas Gebre (Platz 11) und die hoffnungsvolle Lokalmatadorin Sophie Duarte (desolater 49. Platz) nur am Beginn bzw. keine Rolle spielten, hatte die erfahrene zweifache Crosslauf-Goldmedaillengewinnerin Fionnuala McCormack das mit Abstand beste Finale. Doch es fehlten am Ende drei Sekunden auf die Überraschungsdritte Karoline Bjerkeli Grövdal aus Norwegen. Und so war es am Ende eine lustige Randnotiz, dass ausgerechnet die an Kälte gewöhnte Skandinavierin bei den mit Herbsttemperaturen beschenkten Crosslauf-Europameisterschaften in Hyères als einzige im Spitzenfeld mit einem Kopftuch gelaufen war. Vielleicht war das in knall-rosa gehaltene Accessoires auch der entscheidende Glücksbringer zu Edelmetall.
Deutsche räumen bei Juniorinnen ab
Lief der Bewerb der Seniorinnen mit Rang 30 für Simre Restle-Apel aus Sicht des Deutschen Leichtathletikverbandes DLV noch mittelprächtig ab, so sorgten die Juniorinnen für die ganz großen Höhepunkte aus deutscher Sicht: Gold in der Einzelwertung durch Konstanze Klosterhalfen und überlegenes Gold in der Teamwertung vor Großbritannien und Dänemark, dazu die Bronzemedaille durch Mitfavoritin Alina Reh. Eigentlich hatte man eher Alina Reh den großen Triumph zugetraut, doch ihre Landsfrau Konstanze Klosterhalfen erwies sich auf dem 4,157 Kilometer langen Kurs als die stärkste und siegte in einer Zeit von 13:12 Minuten vor der Britin Harriet Knowles-Jones. „Das ist eine riesige Überraschung für mich. Ich bin überglücklich“, strahlte die 18-Jährige. Bemerkenswert: Vier deutsche Nachwuchsläuferinnen schafften den Sprung unter die besten Zehn!
Hauchdünner Sieg
Das vielleicht spannendste Rennen des Tages entwickelte sich bei den Damen der Klasse U23, welches hervorragend besetzt war. In einem packenden Zielsprint setzte sich die Belgierin Louise Carton gegen die zeitgleiche Niederländerin Jip Vastenburg durch. Die Bronzemedaille schnappte sich die Serbin Amela Terzic noch vor der Britin Laura Muir, die gemeinsam mit ihren Teamkolleginnen die Goldmedaille in der Teamwertung vor Frankreich und Italien gewann. Eine von drei Goldmedaillen für Großbritannien, das mit insgesamt neun Medaillen den Medaillenspiegel vor Spanien und Deutschland für sich entschied. „Ich habe mich sehr gut gefühlt, wusste aber natürlich, wie stark meine Rivalinnen sein würden“, so Siegerin Carton nach dem 5,947 Kilometer langen Rennen. Für die Schweizerinnen, die im Seniorinnenrennen mit Fabienne Schlumpf nur den 31. Platz erzielten, sorgte Molly Renfer mit Position neun für die beste Platzierung für Swiss Athletics bei den Crosslauf-Europameisterschaften 2015.
© SIP / René van Zee
© SIP / René van Zee
ÖLV unterhalb der Erwartungen
Die erste Hiobsbotschaft für den Österreichischen Leichtathletikverband ÖLV traf bereits am Vortag der Wettkämpfe ein. Jennifer Wenth (SVS Leichtathletik), im vergangenen Jahr noch 18. im Einzelrennen, verzichtete aufgrund von Problemen mit der Wadenmuskulatur auf ein Antreten. Damit löste sich die Hoffnung des ÖLV auf eine vordere Platzierung schlagartig in Luft auf. „Ich habe seit ein paar Wochen Probleme. Ich will nicht mit Schmerzen laufen. Wichtiger ist die Olympiasaison 2016 und dass ich bald wieder normal trainieren kann“, erklärte die 24-Jährige. Die zweite schlechte Nachricht ereilte den ÖLV bereits im ersten Bewerb: Lena Millonig (ULC Riverside) konnte die aufgrund ihrer starken letzten Saison in ihr gesetzten Hoffnungen bei weitem nicht erfüllen und enttäuschte auf Rang 49. Damit war sie gerade noch einen Tick schneller als die auf internationalem Parkett debütierende Katharina Koitz (SK Rückenwind). Dass die magere ÖLV-Ausbeute in den restlichen Rennen nicht mehr gerettet werden konnte, lag im Rahmen des Erwartbaren.

Ergebnisse Crosslauf-Europameisterschaften 2015

Damen (8,087km)
1. Sifan Hassan (Niederlande) 25:47 Minuten
2. Kate Avery (Großbritannien) 25:55 Minuten
3. Karoline Bjerkeli Grövdal (Norwegen) 25:57 Minuten
4. Fionnuala McCormack (Irland) 26:00 Minuten
5. Ancuta Bobocel (Rumänien) 26:07 Minuten
6. Steph Twell (Großbritannien) 26:08 Minuten
7. Clemence Calvin (Frankreich) 26:17 Minuten
8. Gemma Steel (Großbritannien) 26:25 Minuten
9. Maureen Koster (Niederlande) 26:28 Minuten
10. Johanna Peiponen (Finnland) 26:34 Minuten

Team Damen (die besten vier Platzierten pro Nation)

1. Großbritannien 33 Punkte
2. Frankreich 78 Punkte
3. Irland 83 Punkte
4. Spanien 95 Punkte
5. Italien 118 Punkte

Damen U23 (5,947km)

1. Louise Carton (Belgien) 19:46 Minuten
2. Jip Vastenburg (Niederlande) 19:46 Minuten
3. Amela Terzic (Serbien) 19:49 Minuten
4. Laura Muir (Großbritannien) 19:53 Minuten
5. Viktoria Kushnir (Weißrussland) 20:05 Minuten
6. Sarah Lahti (Schweden) 20:06 Minuten
7. Federica Del Buono (Italien) 20:12 Minuten
8. Emma Oudiou (Frankreich) 20:14 Minuten
9. Molly Renfer (Schweiz) 20:14 Minuten
10. Madeleine Murray (Großbritannien) 20:15 Minuten

Team Damen U23 (die vier besten Platzierten pro Nation)

1. Großbritannien 41 Punkte
2. Frankreich 71 Punkte
3. Italien 82 Punkte
4. Ukraine 127 Punkte
5. Türkei 140 Punkte

Juniorinnen (4,157km)

1. Konstanze Klosterhalfen (Deutschland) 13:12 Minuten
2. Harriet Knowles-Jones (Großbritannien) 13:16 Minuten
3. Alina Reh (Deutschland) 13:20 Minuten
4. Celia Anton (Spanien) 13:27 Minuten
5. Bobby Clay (Großbritannien) 13:29 Minuten
6. Sarah Kistner (Deutschland) 13:35 Minuten
7. Carolina Johnson (Schweden) 13:36 Minuten
8. Anna Emilie Möller (Dänemark) 13:37 Minuten
9. Yuliya Moroz (Ukraine) 13:40 Minuten
10. Franziska Reng (Deutschland) 13:40 Minuten

49. Lena Millonig (Österreich) 14:29 Minuten
57. Katharina Koitz (Österreich) 14:38 Minuten

Team Juniorinnen (die vier besten Platzierten pro Nation)

1. Deutschland 20 Punkte
2. Großbritannien 40 Punkte
3. Dänemark 62 Punkte
4. Frankreich 77 Punkte
5. Spanien 108 Punkte
Crosslauf-Europameisterschaften 2015 in Hyères