Ambitioniert zu den Crosslauf-Europameisterschaften in Hyères

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Jennifer Wenth, hier im WM-Finale von Peking über 5.000m. © ÖLV / GEPA Pictures
Jennifer Wenth, hier im WM-Finale von Peking über 5.000m, wo sie als 15. ins Ziel kam. © ÖLV / GEPA Pictures
Immer, wenn Jennifer Wenth (SVS Leichtathletik) in letzter Zeit zu einem Großereignis gereist ist, kam sie mit einem Lächeln auf den Lippen zurück. Die Finalläufe bei den Europameisterschaften in Zürich und bei den Weltmeisterschaften in Peking als jeweils beste österreichische Platzierung bei diesen beiden Events waren dabei die Höhepunkte. Dass die Niederösterreicherin auch im Crosslauf konkurrenzfähig ist, zeigte sie bei den Europameisterschaften vor einem Jahr in Bulgarien, als sie mit Rang 18 die historisch beste Platzierung für den Österreichischen Leichtathletikverband bei diesem alljährlichen Ereignis erzielte. Platz sechs bei einem Vorbereitungsrennen in Tilburg schürt nun die Hoffnung, dass am Samstag bei den Crosslauf-Europameisterschaften in Hyères eine Steigerung möglich ist.
Kreuz und quer durchs Hippodrom
Die Streckenlänge von 8,087 Kilometer dürfte der 24-Jährigen durchaus entgegenkommen, denn Wenth hat bereits des öfteren gezeigt, auch auf längeren Strecken als ihre Spezialdisziplin gute Zeiten laufen zu können. Auch Steigungen halten sich in Grenzen, dafür sind einige enge Kurven und winklige Passagen zu absolvieren. Der Veranstalter hat sich um eine spektakuläre Cross-Strecke bemüht. Wechselnder Untergrund  und lästige Hindernisse auf der Strecke sollen den Athletinnen und Athleten das Leben schwer machen. „Auf dem ersten Blick schaut die Strecke einfach aus. Aber wenn man genauer hinschaut, ist dieser Kurs sehr zermürbend – eine richtige Herausforderung für den Körper“, zeigt sich die ehemalige zweifache Crosslauf-Weltmeisterin Anette Sergeant, Botschafterin der Veranstaltung, begeistert von der Strecke im Hypodron der Kleinstadt Hyères, die direkt an der Cote d’Azur liegt, was eine schneebedeckte Strecke und eisige Temperaturen unwahrscheinlich macht.
Britinnen geben Ton an
Spannende Entscheidung bei den Crosslauf-Europameisterschaften 2014 zwischen Gemma Steel (l.) und Kate Avery um Gold und Silber. © getty images
Spannende Entscheidung bei den Crosslauf-Europameisterschaften 2014 zwischen Gemma Steel (l.) und Kate Avery um Gold und Silber. © getty images
Im vergangenen Jahr standen die Crosslauf-Europameisterschaften ganz im Zeichen der britischen Damen: Gemma Steel und Kate Avery feierten in Samokov einen Doppelsieg. Steel ist auch heuer die große Favoritin, die in den USA lebende Avery würde aber nur all zu gerne das Blatt umdrehen. Mit Steph Twell hat Großbritannien sogar noch eine dritte Medaillen-verdächtige Läuferin im Team. „Ich bin richtig heiß darauf, eine Medaille zu holen“, kündigt Steel, die bereits einen kompletten Medaillensatz von Crosslauf-Europameisterschaften zu Hause hat, an, gibt aber auch zu Bedenken: „Kate und Steph muss man immer auf der Rechnung haben.“ Zum Kreis der Podestanwärterinnen zählen auch Trihas Gebre, eine aus Äthiopien stammende Spanierin, deren Landsfrau Diana Martin, die holländische Europameisterin über 1.500m, Sifan Hassan, die ebenfalls aus Äthiopien stammt, Fionnuala Britton, die nach ihrer Hochzeit mit Crossläufer Alan McCormack nun einen ungewohnten Nachnamen trägt und an der Spitze des traditionell starken irischen Crosslauf-Damennationalteam steht, und die Französin Sophie Duarte, Crosslauf-Europameisterin von 2013. Sie ist wohl die aussichtsreiche Vertreterin der gastgebenden Nation auf den ganz großen Erfolg bei den Heim-Titelkämpfen. Interessante Starterinnen sind die erfahrene französische Marathon-Europameisterin von Zürich, Christelle Daunay und die norwegische Weltklasse-Skilangläuferin Kristin Störmer Steira, die nicht den ersten Seitensprung wagt. Während Österreich nur mit einer Athletin am Start ist, schicken Deutschland und die Schweiz jeweils zwei Läuferinnen ins Rennen: Auf der einen Seite sind das Marathonläuferin Simret Restle-Apel und Fabienne Amrhein, auf der anderen Fabienne Schlumpf und Priska auf der Maur.
Kenianische Türken in Favoritenrolle
Im Rennen der Herren, welches über die Distanz von 10,117 Kilometer führt, könnte es ein Duell zwischen den beiden aus Kenia stammenden Türken Polat Kemboi Arikan und Ali Kaya geben. Zwar gewann Arikan im vergangenen Jahr hauchdünn vor Kaya, nach einer phänomenalen Saison mit zwei dominanten U23-Europameistertiteln im Langstreckenlauf und zwei Top-Ten-Plätzen bei den Weltmeisterschaften in Peking dürfte die Favoritenrolle wohl dem erst 21-jährigen Kaya in den Schoß fallen. Eine totale türkische Dominanz, ähnlich wie im vergangenen Jahr, wollen allen voran der Spanier Alemayehu Bezabeh, Sieger 2013, im vergangenen Jahr Dritter und Leitwolf einer bärenstarken spanischen Truppe, und Lokalmatador Florian Carvalho verhindern. Weitere interessante Starter aus insgesamt 25 Nationen sind der ehemalige norwegische Europameister über 1.500m, Henrik Ingebrigtsen, der Ire Mick Clohisey, 2014 Sieger des Halbmarathons beim Vienna City Marathon, und die beiden holländischen Marathon-Spezialisten Michel Butter und Khalid Choukoud. Der mittlerweile 40 Jahre alte, neunfache Crosslauf-Europameister Sergej Lebid aus der Ukraine hat seinen Start zurückgezogen.
Pech für Ringer
Eigentlich hatte sich der Deutsche Richard Ringer einiges für die Crosslauf-Europameisterschaften ausgerechnet. Einige starke Auftritte in den letzten Wochen und Monaten hievten den 26-Jährigen sogar in die Kandidatenliste für Edelmetall. Doch eine hartnäckige Erkältung fesselt den WM-Finalisten über 5.000m ans Bett und verhinderte eine Anreise zur Crosslauf-EM. „Shit happens“, kommentierte Ringers Trainer Eckhardt Sperlich lapidar und gab unmissverständlich zu verstehen, dass eine Teilnahme für einen Platz abseits des Podiums nicht in Frage komme. Damit steht mit Florian Orth nur ein deutscher Vertreter am Start, einziger Schweizer ist Marathonläufer Adrian Lehmann. Der ÖLV schickt mit Andreas Vojta (team2012.at) und Christoph Sander (DSG Volksbank) ein Duo ins Rennen. Die beiden Staatsmeister Valentin Pfeil (LAC Amateure Steyr) und Christian Steinhammer (USKO Melk) fehlen im Aufgebot.
Sechs rot-weiß-rote Nachwuchsläufer
Mit zwei Trios startet der ÖLV in die beiden Junioren-Konkurrenzen bei den Burschen. In der Klasse U23 über die Distanz von 8,087 Kilometern bilden Hans Peter Innerhofer (LC Oberpinzgau), Manuel Innerhofer (LC Oberpinzgau) und Stephan Listabarth (DSG Volksbank) ein schlagkräftiges Team mit berechtigten Hoffnungen auf vordere Platzierungen. Topfavorit auf die Goldmedaille ist der Belgier Isaac Kimeli. Der DLV ist mit dem maximalen Kontingent von sechs Startern dabei, Swiss Athletics schickt Jonas Raess ins Rennen.
Große Hoffnungen hegt der Schweizer Leichtathletikverband im U20-Rennen der Burschen. Denn dort steht sein Laufsport-Rohdiamant Julien Wanders am Start. Der Westschweizer ist der schnellste 5.000m-Läufer des Jahres im Juniorenbereich und war bei den Crosslauf-Weltmeisterschaften der drittbeste seines Kontinentes, wodurch der 19-Jährige in eine Mitfavoritenrolle rutscht. Ein weiterer Kandidat auf den Sieg ist der italienische Titelverteidiger Yemaneberhan Crippa, der bereits auf einen beachtlichen Umfang an Erfolgen zurückschauen kann. Neben Wanders vertreten vier weitere junge Läufer die Schweizer Farben, auch aus Deutschland ist ein Quintett um Patrick Karl am Start. Für Österreich gehen Luca Sinn (UAB Athletics), Paul Stüger (LT BAWAG PSK Köflach), und Maximilian Trummer (ATSV OMV Auersthal) ins 5,947 Kilometer lange Rennen.
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Deutschlands Goldhoffnung
Die besten Möglichkeiten auf eine Medaille hat der DLV nach der Absage von Ringer im Juniorinnenrennen über eine Distanz von 4,157 Kilometer mit Alina Reh. Die hochtalentierte, zweifache Junioren-Europameisterin führt ein fünfköpfiges deutsches Team an, in dem mit Sarah Kistner eine weitere aussichtsreiche Teilnehmerin steht. Für den ÖLV sind Lena Millonig (ULC Riverside Mödling) und Katharina Koitz (SK Rückenwind) am Start.
Das Rennen der Klasse U23 der Damen ist der einzige Bewerb, den Österreich im Rahmen der Crosslauf-Europameisterschaften 2015 nicht besetzt. Mit der Belgierin Louise Carton und der Schottin Laura Muir, die auf eine beeindruckende Saison im 1.500m-Lauf mit einem Sieg im Rahmen der Diamond League und Rang fünf im WM-Finale von Peking zurückblicken kann, kündigt sich ein spannendes Duell um den EM-Titel an. Mit der Italienerin Federica Del Buono und der Holländerin Jip Vastenburg sind zwei weitere aussichtsreiche Kandidatinnen auf Podestplätze am Start des 5,947 Kilometer langen Bewerbs.
„I run clean“
Laut einer Initiative des europäischen Leichtathletikverbandes EA dürfen sämtliche der 491 gemeldeten Athleten aus 32 Nationen wählen, ob sie eine neutrale Startnummer oder eine Startnummer mit der Aufschrift „I run clean“ tragen möchten. „Mit der Kampagne ,I run clean’, welche wir vor allen Dingen in den sozialen Netzwerken forcieren, möchten wir gemeinsam mit unseren Athleten unsere Position gegen Doping zum Ausdruck bringen“, spricht Svein Arne Hansen, Präsident von European Athletics. Man darf nur hoffen, dass diese Aktion bei Läuferinnen und Läufern keine inneren Gewissenskonflikte erzeugt. Die Crosslauf-Europameisterschaften nehmen insofern im aktuellen Dopingskandal eine besondere Rolle ein, da sie die ersten internationalen Meisterschaften sind, bei denen russische Athletinnen und Athleten nicht mitmachen dürfen.
Crosslauf-Europameisterschaften 2015