Das Nein, das die deutsche Sportwelt schockiert

„Für Sport-Deutschland stellt der heutige Tag einen herben Rückschlag und Tiefschlag dar. Der olympische Gedanke und Deutschland passen im Moment offensichtlich nicht zusammen“, konstatierte ein sichtlich enttäuschter Alfons Hörmann, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes nach dem Nein zu Olympischen Spielen in Hamburg. Die Athleten feuerten ihren Zorn und ihre Enttäuschung ohne Umschweife in die Welt hinaus. Diskuswerfer Robert Harting zeichnete das deplatzierte Bild der Gesellschaft mit dicken Kindern, Hockey-Olympiasieger Moritz Fürste sprach vom Tod des deutschen Sports, Paralympic-Schwimmerin Kirsten Bruhn, die ordentlich Werbung für die Olympia-Bewerbung Hamburgs gemacht hat, ätzte: „Wir können schon die Beerdigung des deutschen Sports planen, das ist der Sargnagel für den Leistungssport.“
Prokop: „Breitensport nicht beeinträchtigt“
Einzig der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes Clemens Prokop stimmte nicht in die Niedergangs-Hymnen ein: „Die Sportbegeisterung in Deutschland ist groß und der Breitensport wird davon sicher nicht tangiert.“ Damit gibt der erfahrene Funktionär das Tempo vor: Der Schaden für die deutsche Leichtathletik wird sich in Grenzen halten. Der größte Leichtathletik-Verband der Welt steht auf breiten Füßen und hat Kapazitäten, mit oder ohne Olympia im eigenen Land. Der Laufsport ist in Europa ohnehin nicht an spitzensportlichen Erfolgen gebunden, sondern boomt im Breitensport unaufhörlich. Selbstverständlich ist es für deutsche Leichtathleten schade, dass ein glorreicher und emotionaler Auftritt vor heimischem Publikum sich nicht verwirklicht und auch die Vorbildwirkung von Olympischen Spielen im eigenen Land auf den Leistungssport ist sicherlich nicht zu unterschätzen. Für Österreichs Leichtathletinnen und Leichtathleten und für die Sportart hierzulande ist es jedenfalls unerheblich, ob die Olympischen Spiele 2024 nun im deutschsprachigen Hamburg, im benachbarten Budapest, in Paris oder Rom stattfinden. Hauptsache nach zwölf Jahren wieder einmal in Europa.
Der Sport versteht die Menschen nicht, die den Sport nicht verstehen
„Es enttäuscht mich, dass die Menschen nicht sehen, dass es um den Sport geht“, feuerte Bruhn hinterher. Angesichts der einseitigen, verständnislosen Kritik am Resultat des Referendums von Seiten unzähliger Athleten und Sportfunktionäre kann getrost auch die umgekehrte Aussage getroffen werden: Es ist enttäuschend, dass der Sport nicht sieht, worum es den Menschen geht. Denn grundlos hat Hamburg sicherlich nicht gegen Olympia gestimmt.
Das Volk bestimmt
Ein Referendum ist das effektivste Instrument der direkten Demokratie. Im Gegensatz zu einer Volksabstimmung darf die Gesamtheit der wahlberechtigten Bürger eines politischen Bezirkes über ein Thema abstimmen, welches die gewählte politische Vertretung aufbereitet hat und die verbindliche Meinung des Volkes einholt. Ein Referendum ist also genau jenes erstrebenswertes Mittel, das den normalen Bürger zum Entscheidungsträger macht – er bestimmt, wie der Hase läuft!
Stimmungskiller
Die Hamburger haben ihre Meinung kund getan. 51,6% der Bevölkerung will die Olympischen Spiele 2024 nicht in ihrer Heimatstadt sehen. Damit sind die Würfel gefallen, Hamburg wird seine Bewerbung zurückziehen. Ein Hintertürchen sieht ein Referendum nicht vor. Zum zweiten Mal verliert die deutsche Sportpolitik ein Olympia-Referendum. Nach den Querelen um die Bewerbung Münchens für die Olympischen Winterspiele 2022 lief in Hamburg im Vorfeld der Abstimmung alles optimistisch und zielgerichtet ab. Während sich die deutsche Sportwelt tief enttäuscht zeigt und die Abstimmung als deftige Niederlage für den deutschen Sport sieht, kann man auch die zweite Seite der Medaille betrachten. Denn die Abstimmung in der Hansestadt war vergleichsweise knapp: Wären nicht sämtliche im aktuellen Kontext bestimmenden Themen absolute Stimmungskiller gewesen, wäre ein positives Abstimmungsresultat zustande gekommen.
Kontra Olympia
Auch wenn das ein schwacher Trost ist: Immer, wenn das Volk in den letzten Jahren in der westlichen Welt über eine Olympia-Bewerbung abgestimmt hat, gab es weit deftigere Zurückweisungen. Das Referendum von München ist noch in frischer Erinnerung. In Österreich haben 2013 72% der Wiener einer angedachten Olympia-Bewerbung in ferner Zukunft das Wasser abgegraben. In der Schweiz reiste Sportminister Ueli Maurer monatelang durch das ganze Land und absolvierte mit einem hoffnungsvollen Konzept in der Tasche eine beispiellose Werbetour für Olympische Spiele im Engadin 2022 – trotzdem gab es ein klares Nein von Seiten der Bevölkerung. Auch im polnischen Krakau erstickte die Bevölkerung weitere Ambitionen im Keim. Die skandinavischen Olympia-Bewerbungen von Oslo und Stockholm haben ihre Pläne längst verworfen, bevor das Volk gefragt wurde – es hätte auch hier eine eindeutige Antwort gegeben, nur dass insbesondere die norwegische Bewerbung sich bereits vor dem Referendum auf die Seite der Olympia-Kritiker gestellt hat.
Es sind glasklare Aussagen aus dem tiefsten Inneren unserer Gesellschaften: Der Preis, Olympische Spiele auszutragen, ist höher als ihr Wert! Die Marke Olympia hat nicht nicht mehr die Strahlkraft, um alleine ein starkes Zugpferd für intensive Austragungs-Bemühungen zu sein. Die Olympische Familie muss dringend hinterfragen, warum die Marke Olympia sich in einer derartigen Krise befindet. Diese ist wahrlich nicht der einzige, aber zumindest ein Mitgrund für das dunkle Tal, durch das die Leichtathletik aktuell schreitet. Je strahlender das Olympische Feuer und je größer die emotionale Bindung der gastgebenden Bevölkerung zur Veranstaltung ist, je mehr profitiert auch die Leichtathletik – aus europäischer Sicht natürlich in Deutschland mehr als in Brasilien oder Japan.
Im neuen Jahrtausend fanden gerade einmal drei Olympische Spiele in der Europäischen Union statt: Die Spiele von Athen 2004, die den wirtschaftlichen Kollaps Griechenlands angetrieben haben, die Winterspiele von Turin 2006, wo die Erhaltungskosten der fast komplett nicht mehr genutzten Sportstätten jährlich Millionen verschlucken, und die Spiele von London 2012 als beispielhafte Austragung.
Vier Hauptgründe gegen Olympia
Die Gründe, warum die Bevölkerung einer Austragung von Olympischen Spielen so kritisch entgegen sieht, sind vielfältig. Hauptargument ist sicherlich: Die riesigen Investitionen sind in anderen Bereichen unserer Gesellschaft besser aufgehoben. Hier lässt sich schwer ein Gegenargument finden. Die langfristige Nachhaltigkeit eines gelungenen Konzepts an Großinvestitionen in die Sportinfrastruktur einer Stadt oder eines Landes sind zwar in der optimalen Umsetzung ebenfalls eine gute Rechtfertigung, doch im gegenwärtigen Umfeld einer Abstimmung weniger fassbar. Das Hemd ist dem normalsterblichen Bürger eben näher als der Rock! Das Misstrauen in Verbände sowohl auf nationaler als auch internationaler Ebene ist dank einer spektakulären Serie von schockierenden Skandalen quer durch die Sportwelt mehr als nur begründet. Der Dopingskandal in der internationalen Leichtathletik, der ja auch seine Vorgänger quer durch die Sportwelt hat, und dessen Dimensionen heute noch nicht einmal bekannt sind, hilft einer Olympia-Bewerbung im öffentlichen Empfinden natürlich auch nicht, schließlich bleibt die Leichtathletik Kernsport der Olympischen Bewegung. Dass Olympia-Bewerbungen von quasi allen Parteien auf politischer Ebene für sich genutzt werden, fördert Gewissenskonflikte in der Gesellschaft. Und last but not least, das Thema Sicherheit, welches gerade heutzutage ein brisantes ist. Alleine die Investitionen in die Sicherheit schlucken einen beträchtlichen Teil des Gesamtbudget, hier hat Hamburg in der Kalkulation sehr untertrieben. Unmittelbar nach den Terroranschlägen in Paris, dem abgesagten Fußballländerspiel Deutschland-Niederlande in Hannover und dem tagelangen kriegsähnlichen Zustand in Europas Hauptstadt Brüssel zu Gunsten flächendeckender Anti-Terror-Razzien ist eine generelle Verunsicherung die verständliche Folge. All diese Faktoren und Störgeräusche haben die Abstimmung in Hamburg sicherlich maßgeblich beeinflusst.
„Nichts zu feiern“
Immer wieder sind Olympia-Vergaben an autoritär geführte Länder hart kritisiert worden. Dort hat die Bevölkerung nicht mitzureden, die politische Führung bezweckt mit der Durchführung von sportlichen Großereignissen eine inszenierte Präsentation zum Kaschieren des mangelhaften gesellschaftlichen Status quos. Bei der Vergabe der Winterspiele 2022 hatte das IOC angesichts der letztlich verbliebenen Kandidaten auch keine andere Wahl. Das kategorische Nein zu Olympischen Spielen in der westlichen Welt der letzten Jahre (mit Ausnahme von Vancouver 2010 und London 2012) steht dem Stopp dieses Trends sehr hinderlich entgegen. Für die Spiele 2024 sind noch vier Kandidaten im Rennen, nachdem Toronto noch vor Hamburg ausgeschieden ist – alle in der westlichen Welt. Los Angeles als Ersatz für die an der lokalen Unterstützung gescheiterten Bewerbung Bostons, Paris, Rom und Budapest. Alle vier werden ihre Einwohner nicht um Erlaubnis bitten, was Rom und Budapest nun noch einmal ausdrücklich bekräftigten. Durch das Hamburger Aus steigen ihre Chancen, ein Mahnmal ist es dennoch. Die italienische Tageszeitung „La Stampa“ beweist etwa Weitblick: „Rom verliert eine Rivalin für die Spiele 2024. Und da gibt es nichts zu feiern! Es bleibt die Gewissheit, dass Olympische Spiele nicht all zu sehr geschätzt werden.“ Die Entscheidung, wo Österreichs beste Läuferinnen und Läufer in neun Jahren um Olympische Ehren kämpfen, fällt im September 2017.
Wird Deutschland zum Fußballland?
Zurück zur gescheiterten Olympia-Bewerbung in Hamburg: Ein Gedanke macht letztlich stutzig: Deutschland scheiterte mit den Olympia-Bewerbungen 2022 mit München und 2024 mit Hamburg am eigenen Volk. 2024 bewirbt sich Deutschland für das zweitgrößte Sportereignis des Jahres, die Fußball-Europameisterschaft. Für dieses Unternehmen gibt es keine lauten Gegenstimmen, keine negative Berichterstattung, keine von Zweifeln geprägte Bedenken. Dafür aber ein schier grenzenloses Selbstbewusstsein, als wäre die Vergabe bereits vor dem Bewerbungsverfahren fix. Freilich macht dieses Selbstbewusstsein im aktuellen Kontext aufgrund einiger „unglücklicher“ Ereignisse gerade eine schöpferische Pause. Volksbefragung zur Bewerbung wird es keine geben, aber das Resultat wäre hochinteressant, insbesondere wenn folgender Vergleich angestellt wird: Das Thema Sicherheit wiegt schwerer, weil sich das Event nicht nur auf eine Stadt (bzw. Region), sondern auf das ganze Land ausdehnt. Dopingskandal im Fußball? Ist nicht nur in Deutschland bestens dokumentiert, wurde aber in der öffentlichen Diskussion auf beachtliche Weise unterdrückt. Misstrauen in Verbände? Die Glaubwürdigkeit des Fußball-Weltverbandes FIFA muss gar nicht mehr diskutiert werden, im Skandal um die (mutmaßlich) gekaufte Fußball-Weltmeisterschaft 2006 demonstriert der deutsche Fußballverband ein höchst merkwürdiges öffentliches Vorgehen, das nicht wirklich misstrauensresistent ist. Heiligt „König Fußball“ alle Mittel? Die Magdeburger Volksstimme war eine der wenigen deutschen Pressestimmen, die nicht nur über verpasste Olympia-Chancen, negative Signale und einen „Todesstoß“ für den deutschen Sport schimpfte, sondern den Nagel auf dem Kopf traf: „Die Schere zwischen Fußball und dem Rest wird weiter auseinandergehen.“ Eine für alle anderen Sportarten sehr bedenkliche Entwicklung, insbesondere auch für Olympische Traditionssportarten wie die Leichtathletik.