IAAF suspendiert russischen Verband

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Mit einer überragenden Mehrheit von 22:1 Stimmen (Sebastian Coe: „Die Botschaft hätte nicht stärker sein können!“) haben die 24 Mitglieder des Councils des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF die provisorische Suspendierung des russischen Leichtathletikverbandes ARAF von allen internationalen Wettkämpfen beschlossen. Damit erzielte das Council bei seinem 201. Meeting, welches via Telekonferenz abgehalten wurde, zwar das erwartete Resultat, jedoch in einem überraschend deutlichen Verhältnis. Während das russische Mitglied nicht an der Abstimmung teilnehmen durfte, stimmte nur ein Council-Mitglied gegen einen Ausschluss Russlands.
Provisorische Suspendierung
Beschlossen wurde eine provisorische Suspendierung, es liegt allerdings gänzlich in der Hand der IAAF, die provisorische Suspendierung in eine vollständige Suspendierung umzuwandeln. Für eine baldige Wiederaufnahme des russischen Mitgliedsverbandes muss dieser eine Reihe von Auflagen erfüllen, die in den kommenden Wochen und Monaten umgesetzt werden müssen. Diese Kriterien werden von einem Inspektionsteam rund um den norwegischen Anti-Doping-Experten Rune Andersen überwacht und sollen in Bälde definiert werden. Während in anderen Sportarten wie im Fußball der Ausschluss von Verbänden (meist aufgrund politischer Einmischung) keine Seltenheiten darstellt, kommt es zum ersten Mal in der Geschichte der IAAF vor, dass man einen Mitgliedsverband suspendiert. Unmittelbar auf die Entscheidung der IAAF reagierte auch der Europäische Leichtathletikverband EA und erweiterte die Suspendierung der ARAF auch auf von der EA durchgeführte Wettkämpfe wie die Team-Europameisterschaft oder die Leichtathletik-Europameisterschaften von Amsterdam.

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Mariya Savinova (l.), Ekaterina Poistogova und ein Symbolbild des russischen Betrugs bei den Olympischen Spielen von London. Beide landeten über 800m auf dem Podest, beide waren jahrelang durch systematisches Doping auf diesen Erfolg vorbereitet worden. © AFP / Getty Images
Die Konsequenzen der Suspendierung
Mit dieser Entscheidung dürfen russische Leichtathleten und russische Betreuer ab sofort an keinen internationalen Wettkämpfen mehr teilnehmen. Diese Regelung umschließt Großereignisse wie die Olympischen Spiele oder die Leichtathletik-Hallenweltmeisterschaften, Wettkampfserien wie die Diamond League gleich wie Tages-Veranstaltungen wie der Saitama Marathon, der bereits am vergangenen Wochenende das Startrecht für die russische Marathonläufer Tatyana Petrova-Arkhipova zurückzog. Daneben können keine internationalen Wettkämpfe auf russischem Boden ausgetragen werden, womit Kazan die Austragung der Leichtathletik-Junioren-Weltmeisterschaften 2016 verliert. Außerdem muss der russische Leichtathletik-Verband weitere Dopingfälle nicht mehr mit der IAAF, sondern mit dem Obersten Sportgerichtshof, dem CAS in Lausanne direkt verhandeln.
Russische Leichtathleten dürfen weiterhin an nationalen Wettkämpfen in Russland teilnehmen. Der russische Verband ist trotz der Suspendierung verpflichtet, weiterhin die Anti-Doping-Bestimmungen der IAAF und der Welt Anti Doping Agentur WADA einschließlich der Durchführung von Trainingskontrollen befolgen.
„Ein beschämender Weckruf“
„Wir haben heute die härteste Sanktion ausgesprochen, die möglich war, und haben den russischen Verband provisorisch suspendiert. Aber wir haben eine intensive Diskussion geführt und sind uns alle einig, dass das gesamte System versagt hat – nicht nur in Russland, sondern rund um die Welt“, stellte ein unter Druck stehender, aber kämpferischer IAAF-Präsident klar und wies mit dieser Aussage auch auf das Dilemma hin, in welchem sich die entscheidungstragenden Herren der IAAF aktuell befinden. „Das war ein beschämender Weckruf und wir müssen klarstellen, dass Betrug auf jeder Ebene nicht toleriert werden darf. Die IAAF, die WADA, die Mitgliedsverbände und die Athleten haben jetzt die Aufgabe, zusammenzurücken, Versagen zu identifizieren und das Vertrauen unseres Sports wiederaufzubauen. Das ist das Allerwichtigste für die Leichtathletik“, mahnte der zweifache Olympiasieger über 1.500m weiter.
Positive Reaktionen für die Suspendierung gab es auch von Seiten der WADA, die diese Entscheidung nach den Ermittlungen einer unabhängigen Kommission in Russland ja empfohlen hatte. „Das sind notwendige und kraftvolle Aktionen, welche eine positive Entwicklung hin zu einem sauberen Sport unterstützen. Aber wir wissen gleichzeitig: Das ist nur die Spitze des Eisbergs und um die Plage Doping loszuwerden, müssen wir uns alle deutlich verbessern“, sagte WADA-Präsident Craig Reedie in einem Statement. Russische Leichtathleten sollen lediglich in Rio startberechtigt sein, wenn sie die „klaren Erwartungen der Institutionen erfüllen und zeigen, dass sie der zukünftigen Verantwortung gerecht werden können.“
Kooperation statt Konfrontation
Das wichtigste vorweg: Hatten die Russen im Vorfeld mit immer leiser werdenden Tönen noch versucht, eine Suspendierung zu umgehen, hat die ARAF die Entscheidung des IAAF-Councils postwendend akzeptiert, wodurch eine von Rechtswegen vorgesehene Berufungsfrist entfällt. Russlands Sportminister Vitaly Mutko sicherte der IAAF Kooperation zu: „Wir sind bereit, öffentlich und freiwillig zusätzliche Maßnahmen zu ergreifen. Falls nötig, ändern wir das System.“ Nach einem längeren Gespräch mit Sebastian Coe zeigt sich Mutko optimistisch, nach Ablauf von drei Monaten eine Chance auf die Aufhebung der Suspendierung zu haben. Läuft alles nach russischem Plan, findet das 25-jährige Jubiläum des internationalen Indoor Meetings von Moskau am 14. Februar mit internationaler Beteiligung statt. Es gilt also von russischer Seite, keine Zeit zu verlieren.
Offensichtlich haben sich die Russen bereits einen Krisen-Plan zurecht gelegt. „Wir haben eine Strategie und Erziehungsprogramme für Athleten, Coaches und Doktoren. Die IAAF muss uns helfen, nicht isolieren. Wir haben ihr zugesichert, Reformen vorzunehmen. Wir sind für jegliche Veränderungen bereit und werden alle schuldigen Protagonisten bestrafen“, erklärt die fünffache Olympia-Medaillengewinnerin im Weit- und Dreisprung und Vize-Präsidentin des russischen Leichtathletikverbandes, Tatyana Lebedeva.
„Entscheidung zu hart“
Weniger verständnisvoll reagieren Athleten und Trainer. „Hier wird mit Kanonen auf Spatzen geschossen“, kritisierte Hochsprung-Trainer Evgeni Zagorulko, einer seiner Kollegen wittert eine Verschwörung und Stabhochsprung-Weltrekordhalterin Jelena Isinbayeva zeigte sich schockiert. Das russische Mitglied des IAAF-Councils warnte seine Landsleute davor, den Doping-Skandal auf eine höhere Ebene zu hieven. „Ich glaube nicht, dass die Lösung politisch motiviert ist. Aber es werden sich Menschen finden, die sie zu politischen Zielen ausnutzen werden“, so Mikhail Butov. Auch der noch im Amt befindliche ARAF-Präsident Vadim Zelichenok findet die Strafe „zu hart, aber wir müssen nun alles daran setzen, die Situation zu ändern.“ Zelichenok monierte, dass die IAAF die harte Entscheidung gegen Russland aus Angst vor der Präsentation des zweiten Teils des WADA-Berichts getroffen habe, in dem harte Anschuldigungen an den Leichtathletik-Weltverband unter der Herrschaft von Lamine Diack erwartet werden. Allerdings könnte dieser auch neues belastendes Material auf russischer Seite enttarnen.
Russland „sicher“ bei Olympia
Dass die provisorische Suspendierung des russischen Leichtathletikverbandes rechtzeitig vor den Olympischen Spielen vor Rio de Janeiro aufgehoben wird, darüber hegt in Russland keiner Zweifel. „Wir setzen die Vorbereitungen auf Rio 2016 fort“, betonte Sportminister Vitaly Mutko und führte an: „Ich bin sicher, dass es gelingt, die Situation bis Olympia zu klären. In der russischen Leichtathletik gibt es weder mehr noch weniger Probleme als im Rest der Welt.“ Dafür will der russische Sport auch aktiv beitragen. Die gesamte Führungsriege der russischen Leichtathletik soll ausgetauscht und mit Neuwahlen neu besetzt werden. Ersten Gerüchten zu Folge sei die zweifache Olympiasiegerin von 1996, Svetlana Masterkova bereit, eine wichtige Rolle zu übernehmen. Auch Jelena Isibnayeva könne sich dies vorstellen. Das Russische Olympische Komitee signalisiert ebenfalls Bereitschaft. „Wir sind bereit zu Reformen in Übereinstimmung mit den Forderungen der IAAF und der Anti-Doping-Gesetzgebung. Diese müssen durchgreifend und schnell erfolgen, um unseren Athleten die Olympia-Teilnahme zu ermöglichen“, forderte ROC-Präsident Alexander Zhukov.
Ist ein Olympia-Ausschluss denkbar?
Durch die „provisorische“ Suspendierung ist die Länge des Ausschluss des russischen Leichtathletikverbandes zeitlich nicht begrenzt. Einschätzungen sind im aktuellen Rahmen schwierig und deswegen reine Spekulationen, zumindest solange die Kriterien für den russischen Verband nicht öffentlich bekannt sind. Aus sportrechtlicher Sicht wäre ein Ausschluss der russischen Leichtathletik von den Olympischen Spielen 2016 sicherlich denkbar und im Sinne eines Statuieren eines Exempels langfristig vielleicht ein Vorteil, wenn eine derartige Entscheidung notwendig sein sollte. „Wenn du durch die Absenz in Rio richtige Schmerzen spürst, ist es wahrscheinlicher, dass Tokio 2020 sauber ist“, stellt sich der Präsident des britischen Leichtathletikverbandes, Ed Warner die einfache Rechnung.
Doch Sport ist in der Gegenwart mehr als bloß Sport und die Olympischen Spiele sind längst kein reines Sportereignis mehr. Allein aus wirtschaftlichen Gründen scheint ein Ausschluss eines der größten Leichtathletikverbände der Welt aus einer der größten Sportnationen der Welt nur sehr schwer vorstellbar. Thomas Bach, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, beruft sich auf das Wesentliche: „Die Politik des IOC ist glasklar: gedopte Athleten und deren Strippenzieher zu bestrafen und die sauberen Athleten zu schützen. Und das muss weltweit angewendet werden.“ „So schnell als möglich“ wollte der Deutsche ein mittlerweile erfolgtes Meeting mit dem ROC-Präsident Alexander Zhukov abhalten und drückt aufgrund eines Dilemmas aufs Tempo. Denn ein möglicher Ausschluss der russischen Leichtathletik ist sicherlich nicht im Sinne des IOC, das allerdings auch die Haltung gegen Doping glaubwürdig weiterhin einnehmen muss. „Ich begrüße es, dass das ROC in erster Linie die sauberen Athleten schützen und andererseits die gedopten Athleten und beteiligen Offiziellen bestrafen möchte. Ich schätze die Offenheit der Diskussion und bin sicher, das ROC wird eine wichtige Rolle einnehmen. Ich habe Vertrauen in das ROC, dass es gemeinsam mit der WADA und der IAAF, alle notwendigen Maßnahmen trifft, die ein Antreten sauberer russischer Leichtathleten in Rio sichern kann“, so Bach weiter.
Russen unter Olympischer Flagge?
Eine sehr wichtige Frage im aktuellen Kontext ist jene: Was passiert mit den sauberen russischen Athleten, falls es welche gibt? Sie haben Pech gehabt, was aber im Rahmen der Anschuldigungen gegen das russische Dopingsystem wohl moralisch vertretbar ist, auch wenn das nicht alle so sehen. Aufgrund ihrer Erfolge ist Stabhochsprung-Weltrekordhalterin Jelena Isinbayeva das Gesicht der russischen Leichtathletik und wurde noch von keinem Dopingskandal erfasst. „Die jetzige Situation ist für die Nationalmannschaft traurig. Ich bin überzeugt, dass nicht alle Athleten über einen Kamm geschoren werden. Sauberen Athleten die Olympia-Teilnahme zu verwehren, ist ungerecht“, so Isinbayeva, die in Rio de Janeiro ihr Comeback nach einer Babypause geplant hat. Die 33-Jährige hat auch bereits einen offenen Brief an das IAAF-Council verfasst, in dem sie ausdrücklich darauf hinwies, dass all ihre Leistungen und Erfolge auf sauberer Basis zustande gekommen sind. Die Stimmen aus Russland, saubere Athleten müssen geschützt werden, waren bereits nach der Präsentation des WADA-Berichts laut geworden. Deshalb giftete auch Isinbayevas Trainer Yevgenij Trofimov mit einer übertriebenen Spitze: „Diese Entscheidung ist ein Paradebeispiel westlicher Demokratie. Ich habe zu Jelena gesagt, wir machen weiter und kämpfen bis zum Schluss. Die Wahrheit ist auf unserer Seite!“
Sollte die Suspendierung des russischen Verbandes tatsächlich die Olympischen Spiele von Rio de Janeiro überdauern, hätten russische Athletinnen und Athleten die Möglichkeit, beim IOC eine Ausnahmegesuch einzureichen, um unter Olympischer Flagge an den Start zu gehen, was ein gängiges Prozedere auch bei den Boykott-Spielen von Moskau 1980 und Los Angeles 1984 war. Dreispringerin Yekaterina Koneva reagierte auf diesen Vorschlag beispielsweise nicht begeistert: „Ich bin in Russland geboren und stolz, mein Land zu repräsentieren. Ich werde nie die russische Flagge gegen eine andere eintauschen!“ Koneva hat übrigens schon eine Dopingsperre hinter sich, was beim Beantragen eine Startplatzes unter Olympischer Flagge wohl ein entscheidendes Hindernis wäre.
Die Wahrheit im Sport hat einen Wert!
Sprinterlegende Frankie Fredericks, Mitglied der IAAF-Athletenkommission, startete nach der Entscheidung für die Suspendierung des russischen Verbandes einen Aufruf an alle Athleten: „Wir senden eine klare Botschaft an alle sauberen Athleten innerhalb eines schmutzigen Systems des Dopings und des Betrugs, dass sie alles, was sie sehen und hören, weitergeben und berichten.“ Diese Aussage dürfte auch bei Iulia Stepanova Anklang gefunden haben. Denn bei all den schrecklichen Erkenntnissen aus dem russischen Dopingskandal und den Aufsehen erregenden Sanktionen darf eines nicht vergessen werden: Ohne das Whistleblowing Stepanovas und ihres Ehemanns wäre die durch den in der ARD ausgestrahlten Dokumentarfilms „Geheimsache Doping – Wie Russland seine Sieger macht“ transportierte Dokumentation des russischen Doping-Systems wohl nicht ans Tageslicht gekommen und es hätte nie eine ermittelnde WADA-Kommission gegeben. „Es macht uns glücklich, dass die Wahrheit im Sport etwas Wert ist. Wir bereuen nichts, was wir getan haben“, heißt es in einer in der ARD veröffentlichten Stellungnahme der Stepanovas.