Erpressung und systematische Korruption

Lamine Diack bei der WM 2015 in Peking. © Getty Images for IAAF

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Es scheint so, als hätte Lamine Diack den französischen Ermittlern noch Spannendes zu erzählen… © Getty Images for IAAF
Lamine Diack und einer seiner Söhne waren sehr aktiv in einem System der Korruption. Diese Aussage kommt von Eliane Houlette, die nationale, französische Finanzstaatsanwältin und entstammt einem Interview mit der Nachrichten und Presseagentur AP. Die ersten Einblicke in die französischen Ermittlungen zeichnen ein verheerendes Bild. Über eine Million Euro sei durch Bestechlichkeit in die Familienkasse geflossen. Aufsehen erregend ist dabei die aktive Rolle der Diack-Dynastie. So soll einer der Söhne des ehemaligen IAAF-Präsidenten nach positiven Dopingproben aktiv auf die betroffenen Athleten zugegangen sein und Bestechungsgelder eingefordert haben, um den positiven Dopingbefund zu vertuschen. Mit dieser Methode sei man besonders in Russland sehr erfolgreich gewesen, der Großteil der Bestechungsgelder wurde wohl vom russischen Leichtathletikverband bezahlt.
Alptekin gibt sich geschlagen
Eine interessante Stellung nimmt in diesem Rahmen die achtjährige Dopingsperre der türkischen Olympiasiegerin Asli Cakir Alptekin ein, die diesen Titel längst verloren hat. Die Mittelstreckenläuferin wurde nach ihrem positiven Dopingtest per Mail aufgefordert, den fälligen Bestechungsbetrag zu überweisen. Die Türkin weigerte sich jedoch – und prompt kam der Dopingfall ans Tageslicht. Eine Befragung Alptekins durch die französische Polizei steht allerdings noch aus. „Es ist eine Form der Erpressung wenn du zu jemanden sagst: ,Bezahle oder du kannst nicht mehr an Wettkämpfen teilnehmen!’ Ich weiß nicht, ob wir das alles ein Mafia-System nennen können, aber es ist definitiv systematische Korruption. Extrem ernsthaft“, fasst Houlette zusammen.
Zerstörte Dopingproben auch in Lausanne
Neben den gut 1.400 zerstörten Dopingproben im Anti Doping Labor in Moskau, welchem die Welt Anti Doping Agentur WADA längst die offizielle Akkreditierung entzogen hat, steht auch das WADA-akkreditierte Anti Doping Labor in Lausanne im Fokus der Ermittler. Laut dem am Montag vorgestellten WADA-Bericht wurden auch im Schweizer Anti Doping Labor 67 Dopingproben zerstört. In einem ausführlichen Interview in der Westschweizer Tageszeitung „24 heures“ schildert nun Martial Saugy, Direktor des Anti Doping Labors in Lausanne, die Geschichte aus seiner Sicht: „Ich habe 2009 ein anonymes Mail aus Russland bekommen, in dem eine Morddrohung klar ausgedrückt wurde.“ Daraufhin entschied Saugy, die Dopingproben zu zerstören. „Ich bin extrem traurig, darüber zu sprechen. Das einzige, was ich wollte, keinen Druck auf die Mitarbeiter des Anti Doping Labors ausüben. Vorausgegangen waren sieben positive Dopingproben russischer Leichtathletinnen, welche in Lausanne analyisert worden waren. Saugy und sein Team bekamen keine Unterstützung der WADA oder der IAAF. „Jeder hat es gewusst.“ Im Archiv des Anti Doping Labors in Lausanne befinden sich rund 3.000 Dopingproben russischer Athleten der letzten Jahre, welche die WADA laut Angaben von Saugy noch nicht analysiert hat. Weitere Dopingproben wären im März 2013 „nach einem dem internationalen Standard entsprechenden Vorgehen“ zerstört worden, was Saugy laut eigener Aussage auf Basis vorhandener Dokumente auch belegen könne.
Bubka: „Nie wieder wie 1984!“
Während der Druck auf den neuen IAAF-Präsidenten Sebastian Coe ins unermessliche ansteigt und mehr denn je seine starke Reaktion fordert, hat sich erstmals sein bei den Präsidentschaftswahlen des Leichtathletik-Weltverbandes unterlegener Wahlgegner Sergej Bubka zu Wort gemeldet. Der Ukrainer, der Zeit seines Lebens dem russischen Sport immer nahe stand, warnte davor, russische Athleten von den Olympischen Spielen 2016 auszuschließen. „Das, was ich 1984 gemeinsam mit zahlreichen anderen Athleten erlebt habe, sollte nie wieder passieren. Viele hoffnungsvolle Athleten haben nie mehr wieder die Chance erhalten, um Olympische Medaillen zu kämpfen. Unsere Verantwortung lautet, saubere Athleten vor jeglicher Massenausweisung zu schützen, wir können ehrliche Athleten nicht bestrafen.“ Athleten aus der UdSSR hatten die Olympischen Spiele 1984 boykottiert und damit auf den US-amerikanischen Boykott der Olympischen Spiele 1980 von Moskau reagiert. Bei derartigen Vergleichen ist jedoch höchste Vorsicht geboten, denn damals waren politische Spannungen in der Blüte des Kalten Kriegs ausschlaggebend für den beidseitigen Boykott. Auch wenn sich die Weltmächte USA und Russland auf der politischen Ebene aktuell nicht unbedingt aufeinander zu bewegen, ist der Grund für einen möglichen Olympischen Ausschluss russischer Athleten im jahrelangen und flächendeckenden, systematischen Dopingmissbrauch russischer Sportler zu suchen. Auch wenn Russland eine politische Motivation der westlichen Welt hinter der von der WADA in Russland durchgeführten Ermittlungen vermutet und Russland hartnäckig darauf pocht, dass systematisches Doping kein rein-russisches, sondern ein weltweites Problem sei. Zumindest für den zweiten Aspekt hat Russland auch die Zustimmung von Richard Pound, leitender Ermittler der unabhängigen WADA-Kommission.
„Erst die Spitze des Eisbergs“
Wer den Blick Richtung Zukunft lenkt und Schlüsse aus dem enttarnten russischen Dopingsystem ziehen möchte, sollte über den Tellerrand hinausschauen und sich einige relevante Fragen stellen. Zumal die WADA-Ermittler festhielten, dass erst die Spitze des Eisbergs sichtbar wäre. Was unter der Wasserfläche noch lauert, ist aktuell noch Gegenstand der Spekulation. Jahrelanger systematischer Dopingmissbrauch in Russland ist nun keine Vermutung mehr, sondern längst ein Fakt: Wie stellt sich die Situation aber außerhalb Russlands, in anderen Ländern dar? Verantwortliche im russischen Sports pochen darauf, dass Doping ein weltweites Problem sei. Die WADA pflichtet den Russen bei und geht auch davon aus, dass derartig widerliche Praktiken auch in anderen Ländern ausgeübt werden, um im Sport systematisch zu betrügen. Dopingskandale in der Türkei und in Marokko liegen erst einige Jahre zurück, zuletzt gab es immer intensivere Verdächtigungen gegen Kenia als Land des florierenden Dopingmissbrauchs, Gerüchte und Verdachtsäußerungen gegen Jamaika reißen nicht ab, heuer gab es sogar am Ende entkräftigte Dopinganschuldigungen gegen Alberto Salazar und damit Teile der US-amerikanischen Leichtathletik.
Ebenso wäre es eine Sensation, würde sich der russische Dopingskandal bzw. der mutmaßliche weltweit aktive Dopingmissbrauch rein auf die Leichtathletik beschränken. Mit dem Schwimmsport hat sich bereits eine zweite weltumspannende Ausdauersportart und Olympische Kernsportart aktiv zu Wort gemeldet. „Ich bin überzeugt davon, dass russische Schwimmer in dasselbe System integriert sind wie die Leichtathleten. Seit Jahren sind russische Schwimmer im Juniorenalter unglaublich stark und erfolgreich und können das im Seniorenalter nicht bestätigen. Keiner hat aber nachgeforscht, warum das so ist“, wird John Leonard, Geschäftsführer des Schwimm-Weltverbandes FINA in der britischen Tageszeitung „Daily Mail“ zitiert.