Phänomenales Staraufgebot beim New York City Marathon

Mary Keitany triumphiert beim Halbmarathon in Olmütz 2015. © SIP / René van Zee

Gleich eine Hand voll Siegesaspirantinnen versammeln sich am Sonntag an der Startlinie zum New York City Marathon der Damen, der traditionell eine halbe Stunde vor jenem der Herren gestartet wird. Neben Titelverteidigerin Mary Keitany und ihrer Vorgängerin Priscah Jeptoo sind weitere hochkarätige Läuferinnen aus Kenia, Äthiopien und Europa am Start, die ein hochspannendes Rennen garantieren.

Mary Keitany triumphiert beim Halbmarathon in Olmütz 2015. © SIP / René van Zee
Mary Keitany triumphiert beim Halbmarathon in Olmütz 2015. © SIP / René van Zee
Das von Erfolg gekrönte Comeback
Im Vorjahr kehrte Mary Keitany nach ihrer Babypause in New York zurück auf die internationale Marathonbühne und feierte gleich einen prestigeträchtigen Erfolg. Im Nachhinein erzählte sie, wie nervös sie an der Startlinie gewesen sei, denn zu viele Fragen waren vor ihrem ersten Marathon seit über zwei Jahren offen geblieben. Während der folgenden zwei Stunden, 25 Minuten und sieben Sekunden konnte sie diese auch für sich auf beeindruckende Art und Weise beantworten. „Das war der spannendste Tag meines Lebens“, blickt sie mit leuchtenden Augen auf die zwölf Monate alten Ereignisse zurück. Seit ihrem Comeback besticht die 33-Jährige durch eine Serie beeindruckender Leistungen. In ihrer Spezialdisziplin, dem Halbmarathon, in dem sie ehemals den Weltrekord hielt, ist sie praktisch unschlagbar, im Marathon folgte auf den Sieg in New York ein zweiter Platz beim London Marathon, wo sie bei ihrem Triumph 2012 einen Afrikarekord markiert hatte. Mary Keitany ist ein Marathon-Star durch und durch. Immer, wenn sie am Start steht, ist sie gleichzeitig auch die Favoritin. Beim New York City Marathon siegte sie bei drei Antritten einmal und belegte 2010 und 2011 jeweils den dritten Platz.
Kinder als Energiespender
Ihr Erfolgsgeheimnis sieht Keitany in ihrer Schwangerschaftspause. „Als ich mit Jared schwanger war, war das wirklich eine harte Zeit. Ich war physisch und moralisch am Boden und wollte sogar mit dem Laufen aufhören. Nach meiner zweiter Schwangerschaft war alles viel leichter. Die Erfahrungen der ersten Schwangerschaft haben mir enormes Selbstvertrauen gegeben. Und das sieht man an der Art und Weise, wie ich zurückgekommen bin“, erzählt die Kenianerin. Dabei gelingt es der 33-Jährigen perfekt, Familie und Sport unter einen Hut zu bekommen. „Mutter zu werden war das allerwichtigste Ereignis in meinem Leben. Ich kann nicht sicher sagen, dass diese Jahre meiner sportlichen Karriere ein Hindernis waren. Aber ich kann garantieren, dass ich ohne meine beiden Kinder heute nicht eine derartig große Motivation hätte. Sie geben mir Energie, hart zu trainieren und mich jeden Tag verbessern zu wollen“, schildert sie weiter. Auch bei Wettkämpfen sind die Kinder ihre Inspiration, beim London Marathon im Frühjahr feuerten sie Jared und die kleine Samatha vom Streckenrand mit „Go, Mum! Run, Mum!“ lautstark an.
Favoritenrolle
Dem anstehenden New York City Marathon blickt Mary Keitany in ihrer gewohnten Gelassenheit entgegen, aber optimistisch: „Ich habe aus Fehlern der Vergangenheit gelernt – so wie 2011 hier, als ich viel zu früh attackiert hatte. Ich will mein Bestes geben, um den Vorjahressieg zu wiederholen.“ Doch die erfahrene Kenianerin weiß ganz genau, dass der New York City Marathon 2015 ob der versammelten Konkurrenz kein Selbstläufer wird.
Der beschwerliche Weg zurück zu alter Stärke
Die größten Konkurrentinnen Keitanys kommen aus Kenia. Priscah Jeptoo kennt das Gefühl eines Sieges beim größten Marathon der Welt, vor zwei Jahren war sie nicht zu schlagen. Damals lief sie übrigens auf die Sekunde genau dieselbe Siegerzeit wie Keitany ein Jahr später. Seit diesem Erfolg schleppt sich Priscah Jeptoo allerdings durch die Wettkämpfe. Immer wieder kamen Verletzungen dazwischen, die eine gute körperliche Verfassung und vernünftige Vorbereitungen verhinderten. Auch beim London Marathon im Frühjahr gelang der Sprung zurück in die Weltklasse mit Rang sieben nur mit mäßigem Erfolg. Denn die Olympia-Zweite von 2012 strebt nach Siegen und Podestplätzen und somit sieht sie den New York City Marathon 2015 abermals als Versuch, zurück an den Platz an der Sonne zu gelangen.
Boston-Thriller verändert Rotich
Wenn man nach dem Frühjahrs-Highlight im Marathon der Damen fragt, antworten viele mit dem Sensationssieg von Tigist Tufa beim mit Stars überladenen London Marathon. Ein weiterer Höhepunkt war sicherlich der dramatische Sieg der Kenianerin Caroline Rotich über die spätere Weltmeisterin Mare Dibaba beim Boston Marathon. Davor wartete sie in ihrer Karriere eher spärlich mit absoluten Topergebnissen auf, immerhin steht ein Sieg beim Prag Marathon zu Buche. Beim New York City Marathon war sie etwa zweimal auf Platz sieben ins Ziel gekommen. Doch der überraschende Triumph von Boston hat aus der Athletin, die früher in Japan und heute in Santa Fe, New Mexico lebt, eine andere Sportlerin gemacht. „In Boston zu gewinnen hat mich fühlen lassen, eine große Läuferin zu sein.“ Mit einer großen Portion Selbstbewusstsein ist Rotich nun süchtig nach diesem Gefühl. „Als ich am Morgen nach dem Boston Marathon aufgewacht bin, dachte ich: Es ist alles normal. Aber in Wirklichkeit hat sich eine Menge verändert. Menschen sprechen mich laufend an und loben mich, gratulieren mir. Und das alles gibt mir die Überzeugung: Ich kann in New York gewinnen!“
Mit Optimismus ins neue Abenteuer
Im vergangenen Jahr gelang der Portugiesin Sara Moreira ein viel beachtetes Marathon-Debüt, heuer plant Sally Kipyego ähnliches. „Ich bin extrem aufgeregt, das wird eine tolle Erfahrung. Aber ich bin ein bisschen ängstlich, denn ich betrete unbekanntes Terrain“, kann die 29-Jährige ihr erstes Rennen über die Distanz von 42,195 Kilometer kaum erwarten. Eine klare Zielvorstellung hat die in Eugene lebende Kenianerin: „Das Ziel ist es, ein gutes Rennen zu laufen, mit dem Hintergedanken, mich für das kenianische Olympia-Team zu qualifizieren.“ Diesen Optimismus begründet Kipyego darin, dass ihr Körper im Training laut eigenen Aussagen sehr gut auf die neue Distanz reagiert. Die Grundvoraussetzungen zum Einstieg ins Marathon-Geschäft stimmen, Kipyego gewann in London Olympia-Silber und in Daegu WM-Silber über 10.000m, heuer ging sie bei den Titelkämpfen in Peking als Fünfte leer aus. Und an New York hat sie auch beste Erinnerungen: Bei ihrem Halbmarathon-Debüt triumphierte sie im Frühjahr 2014 im Central Park gleich. Vielleicht ein gutes Omen für den Marathon am Sonntag…
Zwei spitze Pfeile im äthiopischen Köcher
Das Rennen der Damen beim New York City Marathon 2015 ist wohl noch stärker besetzt als jenes der Herren und von der Qualität der Läuferinnen mit Sicherheit der Höhepunkt im Marathon-Herbst der Damen. Dass es am Big Apple einen kenianischen Erfolg bei den Damen gibt, ist trotz der oben skizzierten Besetzung nicht garantiert. Denn die Äthiopierinnen wollen den Kenianerinnen im ewig jungen Prestigeduell der beiden erfolgreichsten Laufnationen in die Suppe spucken. Am ehesten ist dies Asefelech Mergia, die heuer zu Saisonbeginn mit einem spektakulären Triumph beim Dubai Marathon von einer Babypause zurückkehrte, und Tigist Tufa, die heuer beim London Marathon als Außenseiterin die komplette Elite düpierte und sensationell Keitany auf Rang zwei verwies, in Frage. Beide bestreiten heuer bereits ihren dritten Marathon, Mergia, die erstmals in New York dabei ist, war in Dubai und London am Start, Tufa bestritt nach dem London Marathon auch noch die Weltmeisterschaften, wo sie auch Position sechs ins Ziel kam. Auch wenn sie den best besetzten Marathon des Jahres gewinnen konnte und Rang sechs in Peking ihre erste Niederlage im Marathon seit zwei Jahren war, wäre ein Doppelschlag London-New York durch Tufa eine Überraschung. Hinter der Verfassung von Mergia stehen ein paar kleine Fragezeichen, denn eine Verletzung hat ihren Start der Vorbereitung auf den New York City Marathon verzögert. Chancen auf eine Topplatzierung rechnet sich auch eine dritte Äthiopierin aus: Die in New York lebende Buzunesh Deba möchte nach zwei zweiten Plätzen endlich ihren „Heim-Marathon“ gewinnen, ist aber in diesem Feld krasse Außenseiterin.
Ein Jahr nach dem Sensations-Debüt
Abgesehen vom Comeback-Sieg von Keitany war es die Leistung des Vorjahres: Bei ihrem Marathon-Debüt stürmte die Portugiesin Sara Moreira in einer Zeit von 2:26:00 Stunden auf einen sensationellen dritten Platz. Beim Prag Marathon im Mai machte sie in diesem Jahr einen weiteren Schritt nach vorne und lief in einer Zeit von 2:24:49 Stunden auf Rang zwei. Angesichts dieser Vorleistungen ist der 30-Jährigen auch heuer beim New York City Marathon einiges zuzutrauen. Moreira wird in New York von ihrer Landsfrau Ana Dulce Felix begleitet, die beim London Marathon auf einen starken achten Rang gelaufen ist. Die erfahrene Lettin Jelena Procopcuka, die bereits zweimal den New York City Marathon für sich entscheiden konnte, die 40-jährige, amtierende Europameisterin Christelle Daunay aus Frankreich und deren Vorgängerin Anna Incerti aus Italien komplettieren das starke europäische Quintett.
Einsatz für leidende Landsleute
Als größter und beliebtester Marathon der Welt ist der New York City Marathon ein beliebtes Pflaster, für den guten Zweck zu laufen und karitative Organisationen tatkräftig zu unterstützen. So ist es etwa für Meb Kefelzighi auch heuer wieder eine Selbstverständlichkeit, seinen Dienst der guten Sache zur Verfügung zu stellen. Ein besonderes Projekt möchte heuer ein griechisches Marathon-Team, angeführt von der nationalen Rekordhalterin Maria Polyzou umsetzen. Die mittlerweile 47-jährige Olympia-Teilnehmerin von 1996 und WM-Teilnehmerin von 1997 und ihr Team unterstützen die Charity-Organisation Boroume, die pro gelaufenen Kilometer des Teams 1.000 warme Mahlzeit an Griechinnen und Griechen, die im Rahmen der Wirtschaftskrise in ihrer Heimat unterhalb der Armutsgrenze gefallen sind (aktuell ein Drittel der Bevölkerung), austeilen. Im Idealfall sollen es vier Millionen Mahlzeiten sein. „Wir werden am 1. November alles geben, so dass kein Grieche Hunger leiden muss“, erklärt Polyzou.
New York City Marathon