„Ich habe auf der zweiten Hälfte echt gelitten!“

© SIP / Johannes Langer

Seit vergangenem Sonntag ist Arne Gabius neuer deutscher Marathon-Rekordhalter und der schnellste europäische Marathonläufer in diesem Jahr. Als erst dritter Europäer und sechster nicht in Afrika geborener Athlet hat er im laufenden Kalenderjahr die Marke von 2:10 Stunden unterboten – von 115 insgesamt. Der Lauf von 2:08:33 Stunden hat sich seinen Eintrag in die Geschichtsbücher der deutschen Leichtathletik also mehr als verdient. Dieser Erfolg ist laut Renato Canova, Trainer des Deutschen, ein Vorgeschmack auf die Zukunft. Denn der erfahrene italienische Startrainer traut seinem Schützling auf internationalem Parkett viel zu: „Ich glaube, er kann sich noch weiter steigern und bei den Olympischen Spielen im kommenden Jahr eine sehr gute Platzierung erreichen.“ Im Interview mit dem Frankfurt Marathon spricht der 34-Jährige selbst über den Marathon-Rekord und seine Ziele in den kommenden Jahren.

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Arne Gabius, Sie waren in Frankfurt der Held des Tages. Deutscher Rekord, 2:08:33 Stunden und Platz vier.
Arne Gabius: „(lächelt)… Ja, den deutschen Rekord habe ich mir vor einem Jahr vorgenommen, nach meinem Debüt hier in Frankfurt. Ich habe nun zwölf Monate gearbeitet und es ist natürlich schön, dass es jetzt geklappt hat.“
Marathon ist immer eine Prüfung. Aber es scheint eine ziemlich harte Prüfung gewesen zu sein – besonders in der zweiten Hälfte, oder?
„Oh ja. Die erste Hälfte war doch zu schnell, aber die Erfahrung nehme ich mit für die nächsten Marathons. Ich habe auf der zweiten Hälfte echt gelitten. Die Mainzer Landstraße war gefühlt sechs bis sieben Kilometer lang und nicht vier. Auch in der Stadt kam es mir wie eine Ewigkeit vor, bis ich endlich wieder rauslaufen durfte. Ich hatte wirklich Aufs und Abs in der zweiten Hälfte. Natürlich mehr Abs. Daher war ich wirklich erleichtert, als ich in die Festhalle einlaufen durfte.“
Heute sind Sie ungefähr eine Minute schneller gelaufen als 2014. War die Qual anders als vor einem Jahr?
„Ja. Letztes Jahr sind wir die erste Hälfte in 65:08 Minuten gelaufen. Jetzt waren es 63:23. Damals bin ich dann die zweite Hälfte in 64:24 gelaufen, diesmal waren es etwa 65:08 Minuten. Es war schon ein ganz anderes Rennen als im letzten Jahr. Es ist natürlich ein tolles Gefühl, bis Kilometer 25 oder 26 in der Spitzengruppe zu sein, teilweise den 13. und 14. Kilometer mit einer Pace von 2:55 im Weltrekord-Tempo zu laufen. Aber das merkt man dann natürlich auf den letzten zwölf Kilometern sehr extrem.“
Und da mussten Sie dann kämpfen. Hatten Sie Zweifel, dass Sie es schaffen?
„Naja, irgendwann nach Kilometer 30 habe ich gedacht: ‚Oh, das ist aber noch weit.‘ Aber ich glaube, das denkt sich jeder Marathonläufer, der hinten raus Federn lassen muss. Diese Erfahrung werde ich mitnehmen, die wird mich noch weiterbringen. Ich habe viel riskiert, aber doch gewonnen.“
Sie haben auch einen Startplatz für die Olympischen Spiele in Rio gewonnen – das war ja fast schon Nebensache. Olympia und vielleicht auch die Weltmeisterschaften 2017, das sind aber andere Rennen …
„… klar, aber ich glaube, da spielt mir die Erfahrung meiner sehr langen Bahnkarriere – ich war 20 Jahre auf der Bahn unterwegs – in die Karten. Dieses Taktische, das können viele Läufer mit Traum-Zeiten von unter 2:06 Stunden nicht. Sie können ohne Tempomacher gar nicht so richtig laufen. Da wird es interessant. Ich glaube, dass ich eine Chance habe, vorne mitzulaufen. Jetzt bin ich gerade in einer bereinigten Weltbestenliste auf dem zwölften Platz. Wenn ich einen sehr, sehr guten Tag erwische, dann kann es eine Top-Ten-Platzierung werden. Das wäre super.“
Bei so einer Meisterschaft stehen die Top-Athleten allein an der Startlinie – das ist ein großer Unterschied zu den großen City-Marathons.
„Klar. Die großen Marathons mit Pacemakern sind relativ durchorganisiert. Aber bei den taktischen Rennen – da gehören Chicago, New York und Boston dazu – gab es immer Überraschungssieger. Ich erinnere mich an den Amerikaner Meb Keflezighi, der in New York und vergangenes Jahr in Boston gewonnen hat. Der hat eine Bestzeit, die mit meiner vergleichbar ist. Wenn man smart läuft, dann kann man auch mal für eine Überraschung sorgen. Er hat hinter Stefano Baldini 2004 die Olympia-Silbermedaille in Athen geholt. Das sind so die Geschichten, die mich motivieren. Wir reden jetzt von einer Top-Ten-Platzierung. Auf der Bahn über 10.000 oder 5.000 Meter sind solche Platzierungen weit weg.“
Und beim Marathon?
„Beim Marathon, da kann man überraschen. Da ist alles möglich. Beim Marathon haben wir keine Hilfe von Pacemakern. Der Halbmarathon wird selten unter 65 Minuten angelaufen. Von daher haben dort Läufer, auch europäische Läufer, die eine Zeit unter 2:10 Stunden stehen haben, eine realistische Chance. Der Italiener Ruggero Pertile hat in Peking den vierten Platz gemacht. Das sind Sachen, die mich motivieren und die auch zeigen, dass man überraschen kann.“
Quelle: Frankfurt Marathon